Home/Werden Privatpatienten häufiger am Herzen behandelt als Allgemeinversicherte?
imageBei kardiovaskulären Eingriffen gibt es einen Unterschied nach Versicherungsstatus, der nicht durch Patientenmerkmale erklären werden kann. (Bild: Universität Basel; Symbolbild: Adobe Stock)

Werden Privatpatienten häufiger am Herzen behandelt als Allgemeinversicherte?

Wissenschaftler der Universität Basel und des Kantonsspitals Aarau haben untersucht, ob sich bei kardiovaskulären Eingriffen in der Schweiz ein Unterschied entsprechend dem Versicherungsstatus nachweisen lässt.

Universität Basel21.1.2023
Die Schweiz leistet sich eines der teuersten Gesundheitswesen der Welt: Dank der obligatorischen Krankenversicherung haben alle Personen in der Schweiz Zugang zu einer ausgezeichneten medizinischen Versorgung. Mit einer freiwilligen Zusatzversicherung lassen sich bei einer stationären Behandlung zudem weitere Leistungen sichern, zum Beispiel ein Einzelzimmer oder freie Arztwahl.

Während die Krankenkassen die Behandlung der Grundversicherten mit einer Fallpauschale abgelten, können die Spitäler bei zusatzversicherten Personen weitere Honorare abrechnen, die teilweise der Ärzteschaft zugutekommen. Seit Längerem wird vermutet, dass dadurch erhöhte finanzielle Anreize bestehen, die zu unnötigen Behandlungen bei den Zusatzversicherten führen können.

Statistische Auswertung
Ob sich bei kardiovaskulären Eingriffen in der Schweiz ein Unterschied nach Versicherungsstatus nachweisen lässt, hat nun ein Team der Universität Basel und des Kantonsspitals Aarau untersucht. Ausgehend von Daten des Bundesamts für Statistik, haben sie geplante Spitaleintritte von insgesamt 590 000 erwachsenen Patienten ausgewertet, die in den Jahren 2012 bis 2020 stationär behandelt worden waren.

Rund 105 000 Behandlungen betrafen acht verschiedene kardiovaskuläre Eingriffe, zum Beispiel die Erweiterung von verengten Herzkranzgefässen oder das Einsetzen eines Herzschrittmachers. Davon wurden 64,4 Prozent über die Grundversicherung abgerechnet.

Die Forscher analysierten den umfangreichen Datensatz mittels statistischer Verfahren auf Unterschiede, die mutmasslich mit dem Versicherungsstatus der Patienten zusammenhängen und sich nicht durch Merkmale wie das Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen oder die Grösse und Art des Krankenhauses erklären lassen.

Zusatzversicherte werden tendenziell öfter behandelt
Generell zeigte sich sowohl bei den Grundversicherten als auch bei Personen mit einer privaten Zusatzversicherung über die Studienjahre eine Zunahme der Eingriffe am Herzen – mit Ausnahme der ersten beiden COVID-19-Wellen im Jahr 2020.

Bei den Zusatzversicherten war jedoch die Wahrscheinlichkeit, einen kardiovaskulären Eingriff zu erhalten, um 11 Prozent höher als bei grundversicherten Personen. Das entspricht schweizweit 895 zusätzlichen Eingriffen pro Jahr.

«Wir beobachten ein Missverhältnis in der Behandlung der beiden Gruppen, das sich nicht durch die Patientenmerkmale erklären lässt», hält Studienautor Dr. Tristan Struja fest. «Unsere Daten weisen darauf hin, dass Personen mit Zusatzversicherungen Behandlungen erhalten, die sich medizinisch nur schwer rechtfertigen lassen und daher möglicherweise unnötig sind.»

Tatsächlich sind Personen mit einer privaten Zusatzversicherung tendenziell besser ausgebildet, verfügen über ein höheres verfügbares Einkommen, sind gesünder und werden seltener in ein Spital eingewiesen als Personen, die nur eine Grundversicherung haben. Folglich sollten an ihnen sogar weniger Eingriffe vorgenommen werden.

Das jetzige System überdenken
Die Gründe für die unterschiedliche Behandlung vermuten die Studienautoren denn auch nicht in klinischen Überlegungen: «Wir nehmen an, dass Personen mit einer privaten Zusatzversicherung die medizinische Versorgung stärker in Anspruch nehmen, unter anderem weil sie mehr Geld für ihre Krankenversicherung ausgeben», so Prof. Dr. Philipp Schütz, Forschungsgruppenleiter am Departement Klinische Forschung der Universität Basel. «Gleichzeitig bestehen für die Spitäler klare ökonomische Anreize, an dieser lukrativen Patientenklasse Eingriffe im stationären Rahmen vorzunehmen, anstatt darauf zu verzichten oder sie zumindest ambulant durchzuführen.»

Dies führe dazu, so die Studienautoren, dass Gesundheitsdienstleistungen ineffizient erbracht würden. Sie empfehlen, die Pauschalen für Privatpatienten zu überdenken und die Anreize stärker auf die Qualität der Versorgung auszurichten.

An der Studie waren Forscher des Kantonsspitals Aarau sowie der Universitäten Basel und Zürich beteiligt.PS

  • Zur Originalpublikation
Struja T et al.: Comparison of Cardiovascular Procedure Rates in Patients With Supplementary vs Basic Insurance in Switzerland. JAMA Network Open (2023), doi: 10.1001/jamanetworkopen.2022.51965

Quelle: Universität Basel/Medienmitteilung, 20.01.2023

just-medical!
Blegistrasse 5
6340 Baar
Schweiz

www.just-medical.com

Kontakt
info@docinside.ch
+41 41 766 11 55
Redaktionelle Leitung:
Dr. phil. des. Sarah Bourdely
sarah.bourdely@medinside.ch