Warum verschlechtert sich der Zustand mancher Patientinnen und Patienten, die wegen einer Covid-19-Pneumonie hospitalisiert sind, obwohl sie bei der Aufnahme weder eine ausgeprägte Atemnot noch eine manifeste akute Niereninsuffizienz aufweisen?
Ein französisches Forschungsteam liefert nun eine neue Erklärung: Früh gemessene Marker einer subklinischen Nierenschädigung, kombiniert mit einer zentralen antiinflammatorischen Zytokin-Signatur, könnten es ermöglichen, bereits bei der Spitaleinweisung Patientinnen und Patienten mit hohem Sterberisiko zu identifizieren.
Die von Forschenden des Inserm und der Université Paris Cité durchgeführte Studie stützt sich auf Daten von Patientinnen und Patienten, die während der ersten Welle der Pandemie hospitalisiert und in randomisierte Studien des Programms Corimuno-19 eingeschlossen wurden.
Analysiert wurden 196 erwachsene Patientinnen und Patienten mit moderater bis schwerer Covid-19-Pneumonie, die zu Beginn nicht kritisch krank waren. Sie wurden im März und April 2020 in zwei multizentrische französische Studien (CORIMUNO-SARI-1 und CORIMUNO-TOCI) aufgenommen. Die Blutproben wurden innerhalb von 24 bis 72 Stunden nach der Hospitalisierung entnommen, also rund elf Tage nach Symptombeginn.
Prädiktive Marker identifiziert
Die Forschenden analysierten mehr als vierzig biologische Parameter, darunter immunologische Mediatoren sowie Marker für renale, endotheliale und vaskuläre Schädigungen. Drei davon erwiesen sich als besonders aussagekräftig:
- KIM-1 (Kidney Injury Molecule-1),
- LCN2 / NGAL (Lipocalin-2),
- IL-10 (Interleukin-10).
In Kombination mit dem Alter der Patientinnen und Patienten erlauben die Plasmakonzentrationen dieser drei Marker eine
Vorhersage der 90-Tage-Mortalität mit hoher Genauigkeit (AUC ≈ 0,82). Die Leistungsfähigkeit dieses neuen «Corimuno-Scores» sei zudem in einer unabhängigen Kohorte repliziert und validiert worden,
teilt das Inserm mit.
Bemerkenswert ist, dass diese prognostische Signatur auch bei Patientinnen und Patienten ohne klinisch diagnostizierte akute Niereninsuffizienz beobachtet wurde: «Das Vorhandensein von KIM-1 und LCN2 weist auf eine akute Nierenschädigung hin, die bislang unentdeckt geblieben ist und häufig trotz normaler Nierenfunktion besteht», erklärt Pierre-Louis Tharaux, Inserm-Forschungsdirektor und Letztautor der Studie.
Ein weiteres überraschendes Ergebnis betrifft die prognostische Rolle von IL-10, einem Zytokin, das klassischerweise als antiinflammatorisch gilt. Erhöhte Interleukin-10-Spiegel waren hier mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert. Zum jetzigen Zeitpunkt lasse sich jedoch nicht sagen, ob diese Veränderungen Ursache oder Folge der gesundheitlichen Verschlechterung der Patientinnen und Patienten seien.
Klinische Bedeutung und Limitationen
Für die klinische Praxis eröffnen diese Ergebnisse die Möglichkeit einer frühen Risikostratifizierung bei hospitalisierten Patientinnen und Patienten, die noch nicht die Kriterien einer maximalen Krankheitsschwere erfüllen. Langfristig könnten diese Biomarker bestehende Instrumente ergänzen, um Überwachung und Therapieintensität gezielter zu steuern.
Die Autorinnen und Autoren weisen jedoch auf mehrere wichtige Einschränkungen hin:
- Die Daten stammen aus der ersten Pandemiewelle, also aus der Zeit vor Impfungen und vor dem Auftreten neuerer Virusvarianten;
- die Biomarker sind bislang nur begrenzt routinemässig verfügbar;
- zusätzliche Validierungen in zeitgemässen Patientenkohorten sind erforderlich.