Eine Studie mit Daten von mehr als 1,1 Millionen Erwachsenen aus England liefert ein neues, differenziertes Bild zur Impfbereitschaft während und nach der Pandemie.
Demnach äusserten zu Beginn der Impfkampagne im Jahr 2021 noch rund 8 Prozent der Befragten Zweifel an den Corona-Impfstoffen. Anfang 2022 sank dieser Wert auf etwa 1 Prozent. Fast zwei Drittel der anfänglich Skeptischen liessen sich später impfen – vor allem jene, deren Bedenken auf Wirksamkeit oder Nebenwirkungen beruhten.
Personen mit grundsätzlicher Ablehnung – etwa Misstrauen gegenüber Herstellern, der Wissenschaft oder staatlichen Institutionen – blieben deutlich häufiger ungeimpft. Diese Form der Skepsis war stabiler und resistenter gegenüber Aufklärungskampagnen.
Unterschiedliche Gründe
- Frauen äusserten eher Bedenken in Bezug auf Fruchtbarkeit und Schwangerschaft (21% vs.10%).
- Männer sagten häufiger, dass sie COVID-19 für sich persönlich für ungefährlich hielten (18% vs. 10%).
- Ältere Menschen (> 74 Jahre alt) waren eher generell gegen Impfungen als Jüngere (12% vs. 2.5%)
Für Sarah Eitze (Universität Erfurt) liegt der besondere Wert der Studie in der Verknüpfung sozialer und psychologischer Einflussfaktoren mit objektiven Gesundheitsdaten:
«Die neue Studie macht deutlich: Impfentscheidungen sind nicht nur medizinische, sondern auch soziale Entscheidungen, und diese Dynamik wirkt über die Pandemie hinaus nach
», sagt sie gegenüber dem Science Media Center.
Die Studie ist nach ihrer Einschätzung jedoch nicht frei von Verzerrungen. So konnten nur Menschen teilnehmen, die sich freiwillig auf eine Befragung einliessen und zustimmten, dass ihre Gesundheitsdaten ausgewertet werden: «Gerade Personen, die Institutionen, Wissenschaft oder staatlichen Stellen stark misstrauen – ein Kernmotiv vieler Impfgegner – dürften in solchen Datensätzen eher unterrepräsentiert sein. Die Studie unterschätzt daher womöglich die radikal impfkritischen Milieus.»
Wie gelingt optimale Impfkommunikation?
Mit Blick auf die Studie betont Katharina Paul (Uni Wien), dass politische Kampagnen nicht nur informieren, sondern Vertrauen schaffen müssen. Dies gelte vor allem für Gruppen, die Impfangebote später wahrgenommen haben: «Es lässt sich zwar nicht direkt aus den Daten ableiten, dass dies Folge von Diskriminierung im Gesundheitssystem ist, doch könnte institutionelles Misstrauen – etwa bedingt durch negative Erfahrungen oder wahrgenommene Ungleichbehandlung etwa aufgrund von Ethnizität oder persönlichem Hintergrund – eine Rolle spielen.»
Zudem sollten die Angebote zur Impfung optimiert und diese leichter zugänglich gemacht werden: «Öffnungszeiten von Ordinationen, öffentliche Impfstellen, Betriebe und Arbeitgeber (gerade in besonders belasteten Sektoren wie dem Gesundheitswesen) spielen hier Schlüsselrollen für niederschwellige Angebote.» Für Risikogruppen wie Schwangere brauche es zusätzliche Ressourcen in der Kommunikation und den Einsatz von unterstützenden Gesundheitsanbietern wie Hebammen und Gynäkologinnen.
«Our study suggests that as the vaccine was rolled out, public confidence increased and the original vaccine scepticism was largely overcome», Helen Ward, Co-Autorin, Imperial College London.
Sarah Eitze ergänzt: «Eine optimale Impfkommunikation gelingt vor allem dann, wenn wir sie stärker evidenzbasiert, zielgruppenspezifisch und langfristig denken. Die Studie macht deutlich, dass nicht jede Form von Impfskepsis gleich funktioniert: Während sich Informationsunsicherheit oft gut adressieren lässt, sind tief verankerte Ablehnungshaltungen, die auf Misstrauen gegenüber Institutionen oder Wissenschaft beruhen, deutlich schwerer zu erreichen.»
Auch Klaus Überla (Universitätsklinikum Erlangen) sieht eine Lehre für künftige Impfkampagnen: «Die Studie identifiziert Bevölkerungsgruppen, bei denen Impfskepsis häufiger anzutreffen ist. Für mich überraschend war, dass gerade bei den über 75-Jährigen, die durch COVID-19 besonders gefährdet waren, häufiger eine anhaltende Impfskepsis gefunden wurde. Hier brauchen wir möglicherweise neue Wege, die Älteren zu erreichen.»