Schweizer Forschende entdecken neue Ursache für erblichen Sehverlust
Bislang blieb bei zahlreichen Menschen mit Retinitis pigmentosa die genetische Ursache unklar. Eine internationale Studie unter Basler Leitung zeigt nun, dass Varianten in fünf RNA-Genen die Erkrankung auslösen können. Dies eröffnet neue Wege für Diagnostik und Therapie.
Sarah Bourdely9.1.20263"
Retinitis pigmentosa (RP) zählt zu den häufigsten erblichen Netzhauterkrankungen. Weltweit ist etwa eine von 5’000 Personen betroffen. Die Erkrankung beginnt meist in der Jugend mit Nachtblindheit, später kommt es zu einer zunehmenden Einschränkung des Gesichtsfelds bis hin zur Erblindung.
Varianten in fünf nicht-kodierenden RNA-Genen (RNU4-2, RNU6-1, RNU6-2, RNU6-8 und RNU6-9) verursachen Retinitis pigmentosa. Diese Gene produzieren RNA-Moleküle anstelle von Proteinen und stellen eine weitgehend unerforschte Quelle vererbbarer Blindheit dar.
Alle Varianten konzentrieren sich in derselben kritischen Region, wo sich die U4- und U6-RNA-Moleküle, die von den RNU4- und RNU6-Genen auf der DNA codiert werden, verbinden. Dies ist eine wichtige Interaktionsstelle für mehrere am RNA-Spleissen beteiligte Proteine.
Die identifizierten Varianten können sowohl vererbt als auch spontan (de novo) auftreten. Einige wurden über mehrere Generationen weitergegeben, andere entstanden erstmals bei den Betroffenen selbst.
Bemerkenswert ist zudem, dass ein und dasselbe RNA-Gen unterschiedliche Erkrankungen auslösen kann: Während bestimmte Varianten von RNU4-2 mit neurologischen Entwicklungsstörungen assoziiert sind, betreffen die hier beschriebenen Veränderungen spezifisch die Netzhaut.
Studie schliesst Forschungslücke
Dass Mutationen in bestimmten Spleiss-Proteinen wie PRPF3, PRPF8 oder PRPF31 Retinitis pigmentosa verursachen können, war grundsätzlich bekannt. Die neue Arbeit zeigt nun, dass auch die RNA-Moleküle dieses zellulären Prozesses selbst krankheitsauslösende Varianten aufweisen können. «Mit anderen Worten: Verschiedene
Die neu identifizierten Veränderungen erklären bis zu 1,4 Prozent der bislang nicht diagnostizierten RP-Fälle. Für Dutzende von Familien weltweit ermögliche dies laut IOB erstmals eine präzise molekulare Diagnose – und damit Zugang zu genetischer Beratung, fundierteren Entscheidungen zur Familienplanung und perspektivisch auch zu neuen Therapieansätzen.
Nach Ansicht der Forschenden unterstreicht die Studie ausserdem, wie wichtig der Blick in bislang wenig beachtete, nicht-proteinkodierende Bereiche des Genoms ist: «Während sich genetische Tests weiterentwickeln und RNA-basierte Therapien voranschreiten, legen diese Erkenntnisse wesentliche Grundlagen für die Identifizierung weiterer Patienten und letztendlich für die Entwicklung von Behandlungen für eine Krankheit, die derzeit noch unheilbar ist».