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Blutdruckmessung zu Hause: Ein Drittel der Hypertonie-Patienten misst gar nicht

Kostenlose Geräte, Schulung und persönliche Betreuung reichen oft nicht aus: Eine US-Kohortenstudie zeigt, dass viele Hypertonie-Patienten im Alltag keinerlei Messwerte erheben.

Sarah Bourdely22.1.20263"
«Messen Sie Ihren Blutdruck bitte eine Woche lang morgens und abends zu Hause.» Ein Satz, den Hausärztinnen und Hausärzte täglich sagen – und der in der Praxis oft ins Leere läuft.

Das zeigt eine aktuelle Kohortenstudie aus dem akademischen US-Gesundheitssystem Mass General Brigham, publiziert in JAMA Cardiology. Das ernüchternde Ergebnis: Rund ein Drittel der Hypertonie-Patientinnen und -Patienten ermittelte keinen einzigen Blutdruckwert zu Hause. Fast die Hälfte blieb unter der Mindestzahl empfohlener Messungen.
Ziel: 28 Messungen pro Woche
In dem Programm zur telemedizinischen Hypertonie-Betreuung wurden 3390 Erwachsene mit unkontrolliertem Bluthochdruck eingeschlossen, darunter 1958 Frauen (57,8 Prozent). Die Teilnehmenden waren im Median 61 Jahre alt, mehr als 40 Prozent litten an kardiovaskulären Vorerkrankungen, knapp 30 Prozent an Diabetes.

Alle erhielten ein automatisches Blutdruckmessgerät, strukturierte Schulung sowie eine laufende Begleitung durch Patientenlotsen. Ziel waren 28 Blutdruckmessungen pro Woche – ein Wert, der den aktuellen europäischen Leitlinien entspricht.
Leitlinie Hypertonie
Die European Society of Cardiology empfiehlt folgendes Vorgehen:

Bei jeder Sitzung sollen zwei Messungen im Abstand von ein bis zwei Minuten durchgeführt werden. Gemessen wird zweimal täglich, morgens und abends, möglichst zur gleichen Zeit und in ruhiger Umgebung, zunächst über mindestens drei Tage.

Liegt der Durchschnitt der Werte über 135/85 mmHg, soll die Messung auf insgesamt sieben Tage ausgedehnt werden. Die Daten dieser Messwoche dienen anschliessend als Grundlage für die ärztliche Beurteilung und Therapieanpassung.

Die Beteiligung blieb überraschend gering:
  • 32,7 Prozent der Teilnehmenden dokumentierte keine einzige Messung
  • 14,3 Prozent machten gelegentlich Messungen (1-11/Woche)
  • 18,2 Prozenz absolvierten 12-23 Messungen
  • 34,8 Prozent erreichten eine hohe Messfrequenz (24-28/Woche)

Dabei gilt die Messung zu Hause als zentraler Baustein der Hypertonie-Therapie, da Einzelmessungen in der Praxis durch Stress oder Weisskittel-Effekte verfälscht sein können. Frühere Auswertungen hatten zudem gezeigt, dass Patientinnen und Patienten mit hoher Messadhärenz ihren Blutdruck signifikant senken konnten – verbunden mit einer deutlich reduzierten Rate kardiovaskulärer Ereignisse.
Nicht mit Lebensrealität vereinbar
In der Praxis hapert es jedoch oft an der Umsetzung: «Die aktuellen Leitlinien verlangen für eine verlässliche Beurteilung häufige und genau getimte Blutdruckmessungen. Die Lebensrealität vieler Patientinnen und Patienten macht das jedoch oft unrealistisch», kommentiert Erstautor Ozan Unlu die Ergebnisse in einer Mitteilung.

Die Autorinnen und Autoren plädieren daher für neue, niedrigschwellige Technologien, etwa tragbare Systeme mit kontinuierlicher oder passiver Blutdruckerfassung – vergleichbar mit Glukosesensoren in der Diabetologie. Mehrere solcher Geräte befinden sich derzeit in Entwicklung oder im Zulassungsprozess. Künftige Studien sollen klären, ob sie die Adhärenz verbessern und gleichzeitig valide klinische Entscheidungen ermöglichen.

Für Ärztinnen und Ärzte unterstreichen die Daten eine zentrale Botschaft: Selbst bei optimaler Infrastruktur bleibt die Umsetzung leitlinienbasierter Empfehlungen fragil. Erfolgreiches Hypertonie-Management dürfte künftig nicht nur von therapeutischer Evidenz, sondern zunehmend auch von der Alltagstauglichkeit der eingesetzten Technologien abhängen.

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