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imageMenschen mit und ohne Autismus drücken Emotionen anders aus. Bild: Videoausschnitt | Connor Keating.

Wenn Mimik zur Fremdsprache wird

Autistische und nicht-autistische Erwachsene zeigen Emotionen wie Wut, Freude und Trauer mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken. Missverständnisse entstehen dabei auf beiden Seiten.

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Forschende der University of Birmingham haben die Mimik autistischer und nicht-autistischer Menschen vergkichen. Dabei zeigte sich: Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung drücken Emotionen über ihre Gesichtsmimik anders aus als nicht-autistische Menschen. Dies könnte erklären, warum emotionale Signale zwischen beiden Gruppen häufig missverstanden werden.

Mithilfe präziser Bewegungsaufzeichnungen erstellten die Forschenden eine umfangreiche Datenbank mit Gesichtsausdrücken zu grundlegenden Emotionen wie Wut, Freude und Traurigkeit – basierend auf mehr als 265 Millionen einzelnen Messpunkten.

Video: Connor Keating | Youtube.

Die Studie umfasste 25 autistische und 26 nicht-autistische Erwachsene. Insgesamt wurden fast 5'000 Gesichtsausdrücke aufgezeichnet. Jede Person stellte die Emotionen auf zwei Arten dar: einmal synchron zu Geräuschen und einmal während des Sprechens.

Dabei zeigten sich klare Unterschiede zwischen den Gruppen:
  • Wut: Autistische Teilnehmende nutzten den Mund stärker, während die Augenbrauen weniger beteiligt waren als bei nicht-autistischen Personen.
  • Freude: Ihr Lächeln war weniger ausgeprägt und erreichte nicht die Augen.
  • Traurigkeit: Der traurige Gesichtsausdruck entstand häufiger durch ein stärkeres Anheben der Oberlippe als bei nicht-autistischen Vergleichspersonen.

Zudem waren die Gesichtsausdrücke autistischer Teilnehmender insgesamt vielfältiger und individueller. Zusätzlich untersuchte das Forschungsteam den Einfluss von Alexithymie – einem häufig mit Autismus verbundenen, subklinischen Merkmal, bei dem es schwerfällt, eigene Gefühle zu erkennen und zu benennen. Personen mit ausgeprägter Alexithymie zeigten weniger klar unterscheidbare wütende und fröhliche Gesichtsausdrücke, die dadurch leichter missverständlich wirkten.
Autisten sprechen eigene Sprache
Studienleiter Connor Keating erklärt: «Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich autistische und nicht-autistische Menschen nicht nur darin unterscheiden, wie ihre Gesichtsausdrücke aussehen, sondern auch darin, wie flüssig diese entstehen». Diese Unterschiede könnten erklären, warum beide Gruppen die Emotionen des jeweils anderen oft schwerer erkennen.

Jennifer Cook, Seniorautorin der Studie, ergänzt: «Autistische und nicht-autistische Menschen drücken Gefühle möglicherweise auf unterschiedliche, aber gleichwertige Weise aus – fast so, als würden sie verschiedene Sprachen sprechen». Was bisher oft als Defizit autistischer Menschen gesehen wurde, könnte also vielmehr eine gegenseitige Verständigungshürde sein.

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