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Blutverlust nach Geburt: Neues Tool soll Risikopatientinnen früher erkennen

Forschende aus Lausanne und London haben ein Prognosemodell entwickelt, das bereits bei Aufnahme zur Geburt jene Frauen erkennen soll, die ein besonders hohes Risiko für Tod oder lebensbedrohliche Komplikationen aufweisen.

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Schwere Blutungen während oder nach der Geburt fordern weltweit rund 70’000 Todesopfer pro Jahr. Obwohl mit Tranexamsäure (TXA) eine wirksame Therapie zur Verfügung steht, wird sie häufig zu spät eingesetzt.

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität und des Universitätsspitals Lausanne (UNIL, CHUV), und der London School of Hygiene & Tropical Medicine sowie Partnern in Nigeria, Pakistan, Tansania, Sambia und Frankreich hat nun ein Prognosemodell entwickelt, das besonders gefährdete Frauen bereits bei Aufnahme zur Geburt identifizieren soll.

«Unser Modell betrachtet erstmals die Endpunkte, die für Frauen wirklich zählen», sagt Erstautor Dr. François-Xavier Ageron vom CHUV in einer Mitteilung. Im Unterschied zu bisherigen Modellen sagt der neue Score nicht primär eine starke Blutung oder die Notwendigkeit einer Transfusion voraus, sondern das Risiko für Tod oder eine lebensbedrohliche Komplikation innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt.
Datenbasis: über 40’000 Frauen
Grundlage sind Daten von mehr als 40’000 Frauen aus vier klinischen Studien in Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen. Berücksichtigt wurden unter anderem: Alter, Blutdruck bei Aufnahme, Schweregrad der Anämie, Kaiserschnitt, Plazentaanomalien, Schwangerschaftshochdruck und Totgeburt.

Aus diesen Faktoren entwickelten die Forschenden den «BAD score» (bleeding assessment for death or near miss). Dabei handelt es sich um ein einfaches Punktesystem mit fünf Risikostufen – von unter 1 Prozent bis zu 20 Prozent und mehr für Tod oder eine schwerwiegende Komplikation innerhalb der ersten 24 Stunden.

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Anteil von Tod oder lebensbedrohlicher Komplikation nach Risikostratifikation gemäss BAD-Score. Grafik: Ageron et al. (The Lancet Global Health, 2026)
Ein zentrales Element des Modells ist die Einbeziehung des Anämie-Schweregrads. Gerade in Ländern mit hoher Müttersterblichkeit wie Subsahara-Afrika und Südafrika ist ein grosser Teil der Schwangeren anämisch. Für diese Frauen kann bereits ein Blutverlust unterhalb der aktuellen WHO-Definition von 300 Millilitern kritisch sein. «Indem wir die Anämie berücksichtigen, vermeiden wir eine wesentliche Verzerrung bisheriger Modelle», so Ageron.
Relevanz für die Praxis
Der Score basiert ausschliesslich auf Informationen, die bei Aufnahme zur Geburt vorliegen. «So können Hochrisikopatientinnen früh erkannt und früher behandelt werden, insbesondere in ressourcenlimitierten Umgebungen», erklärt Ageron. Bei Frauen mit hohem Risiko sei das Verhältnis von Nutzen zu möglichen Schäden jedoch klar günstig. «Eine Behandlung mit Tranexamsäure bei der Geburt dürfte in dieser Gruppe wirksam und kosteneffizient sein – und vor allem Leben retten.»

Ob das Modell in Ländern mit hohem Einkommen wie der Schweiz, Deutschland oder Österreich gleich gut funktioniert, muss weiter geprüft werden. Dennoch liefert die Studie einen wichtigen Impuls für eine stärker risikobasierte Geburtshilfe. Für Ageron ist der Nutzen klar: «Wir sind überzeugt, dass dieses Modell künftig Leitlinien beeinflussen sollte».

Zur Originalpublikation:
  • Francois-Xavier Ageron, Katharine Ker, Danielle Prowse, et al.: «Early assessment of maternal bleeding: development and validation of a prognostic model predicting death and near miss», in: «The Lancet Global Health», März 2026.
  • DOI: 10.1016/S2214-109X(25)00488-7

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