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imageStatine senken den Cholesterinspiegel im Blut. Symbolbild: Unsplash.

Statine sind besser als ihr Ruf

66 mögliche Nebenwirkungen – aber nur vier davon sind tatsächlich belegt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Metaanalyse in The Lancet. Viele der im Beipackzettel aufgelisteten Beschwerden seien nicht kausal auf die Cholesterinsenker zurückzuführen.

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Die überwiegende Mehrheit der in Fach- und Gebrauchsinformationen aufgeführten unerwünschten Wirkungen lässt sich in randomisierten, placebokontrollierten Studien nicht kausal auf Statine zurückführen.

  • Cholesterol Treatment Trialists’ (CTT) Collaboration: «Assessment of adverse effects attributed to statin therapy in product labels: a meta-analysis of double-blind randomised controlled trials», in: «The Lancet», Februar 2026.
  • DOI: 10.1016/S0140-6736(25)01578-8.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Metaanalyse in The Lancet. Für die kardiovaskuläre Prävention ist das eine relevante Botschaft – gerade angesichts hoher Abbruchraten aus Angst vor Nebenwirkungen.
4 statt 66 Nebenwirkungen
Die Analyse der Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration basiert auf individuellen Patientendaten aus 19 doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studien mit über 120’000 Teilnehmenden. Untersucht wurde, inwiefern die in Produktinformationen genannten Nebenwirkungen tatsächlich unter fünf gängigen Statinen häufiger auftraten als unter Placebo.

Von insgesamt 66 gelisteten möglichen Nebenwirkungen konnten lediglich vier statistisch signifikant mit der Statintherapie in Verbindung gebracht werden:
  • Veränderungen der Urinzusammensetzung
  • Ödeme
  • erhöhte Leberenzymwerte
  • Abweichungen in der Leberfunktion

Bereits bekannt und in der Analyse bestätigt sind zudem:
  • Muskelbeschwerden
  • ein leicht erhöhtes Risiko für Diabetes

Kein Zusammenhang zeigte sich hingegen für zahlreiche weitere häufig genannte Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depression oder Schlafstörungen.
Nutzen der Statintherapie unbestritten
Gegenüber dem Science Media Center (SMC) unterstreichen mehrere Forschende die klinische Relevanz der Ergebnisse – insbesondere für Patientinnen und Patienten mit dokumentierter koronarer Herzkrankheit oder nach Myokardinfarkt. In diesen Gruppen sei der Nutzen der Statintherapie unbestritten.
«Statine haben für die medizinische Praxis eine sehr grosse Bedeutung. In der kardiovaskulären Prävention zählen sie zu den potentesten Medikamenten.» Oliver Weingärtner, Universitätsklinikum Jena.
Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum Leipzig betont gegenüber dem SMC die methodische Stärke der Studie: Anders als klassische Metaanalysen basiert sie auf individuellen Patientendaten statt auf aggregierten Studienergebnissen. Dies ermögliche eine besonders präzise Bewertung auch seltener Nebenwirkungen und kleiner Subgruppen.
«Statine gehören zu den am besten untersuchten Medikamenten. Langzeituntersuchungen belegen konsistent, dass das Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen wie Rhabdomyolyse (unter 0,1 Prozent) oder Leberschäden (ungefähr 0,001 Prozent) extrem gering bleibt und die Langzeiteinnahme keinen Anstieg von Krebs oder Demenz verursacht.» Ulrich Laufs, Universitätsklinikum Leipzig.
Stefan Blankenberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung e.V. weist jedoch darauf hin, dass sich ein Grossteil der analysierten Studien auf Hochrisikopatienten bezieht. «Die Ergebnisse sind somit nicht problemlos auf die gesamte Population übertragbar.»
Nocebo-Effekt als zentrales Problem
Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Laut Arzneiverordnungsreport werden sie in Deutschland bis zu neun Millionen Menschen verschrieben. Gleichzeitig ist die Adhärenz gering. Nach 36 Monaten nehmen nur noch rund 21 Prozent der Patientinnen und Patienten das ursprünglich verordnete Statin ein, wie aktuelle Studien zeigen.
«Die meisten beobachteten Symptome unter einer Statintherapie haben nichts mit dem Medikament zu tun.» Oliver Weingärtner, Universitätsklinikum Jena.
Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie, Universitätsklinikum Leipzig, verweist darauf, dass in Registerstudien etwa zehn Prozent der Behandelten unerwünschte Effekte berichten. «Davon sind rund 90 Prozent Nocebo-Effekte. Das heisst, nicht direkt durch eine pharmakologische Wirkung verursacht», so Laufs. Dies sei ein riesiges Problem für die Einnahmetreue und die Prävention von Herz- und Gefässkrankheiten.
Beipackzettel: Vorsichtsprinzip
Warum stehen dann so viele Nebenwirkungen im Beipackzettel? Arzneimittelhersteller sind gesetzlich verpflichtet, alle bekannten möglichen Nebenwirkungen mit Häufigkeiten anzugeben – auch ohne gesicherten Kausalitätsnachweis. Es handelt sich also häufig um Verdachts- und nicht um Beweisangaben.

Eine Streichung erfordert dagegen den Nachweis einer Nicht-Assoziation in sehr grossen Patientenkollektiven und durchläuft ein komplexes regulatorisches Verfahren auf EU-Ebene. Mehrere der vom SMC befragten Experten halten daher eine Überarbeitung für sinnvoll – etwa in Form einer evidenzbasierten «Executive Summary», die Nutzen und tatsächliche Risiken klarer darstellt.

Die Lancet-Metaanalyse bestätigt, was kardiologische Leitlinien seit Jahren betonen: Statine besitzen ein günstiges Nutzen-Risiko-Profil. Die Diskrepanz zwischen evidenzbasierten Daten und umfangreichen Nebenwirkungslisten in Beipackzetteln könnte jedoch zur Verunsicherung beitragen – mit realen Folgen für die Therapieadhärenz und die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Für die klinische Praxis bedeutet das:
  • Aufklärung über Nocebo-Effekte ist zentral.
  • Niedrig dosierte Statintherapien sind meist gut verträglich.
  • Eine differenzierte Kommunikation über tatsächliche Risiken kann helfen, unnötige Therapieabbrüche zu vermeiden.

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