Jugendliche schlafen an Schultagen chronisch zu wenig. Eine prospektive Studie der Universität Zürich und des Universitäts-Kinderspital Zürich liefert nun Schweizer Daten zur Frage, ob flexible Schulstartzeiten daran etwas ändern können.
Die Antwort lautet: ja – zumindest teilweise.
45 Minuten mehr Schlaf
Untersucht wurde eine Oberstufe im Kanton St. Gallen, die flexible Randzeiten eingeführt hatte. Die Schülerinnen und Schüler waren im Schnitt 14 Jahre alt. Statt eines fixen Starts um 7:20 Uhr konnten die Jugendlichen wählen: freiwilliger Beginn um 7:30 Uhr oder regulärer Unterricht ab 8:30 Uhr.
95 Prozent nutzten die spätere Option. Die Jugendlichen standen im Schnitt 40 Minuten später auf, gingen jedoch nicht später ins Bett. Die zusätzliche Schlafdauer betrug durchschnittlich 45 Minuten.
«Chronischer Schlafmangel betrifft nicht nur das Wohlbefinden, er hat auch messbare Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, körperliche Entwicklung und Lernfähigkeit.» Oskar Jenni, Universität Zürich.
Damit widerlegt die Studie ein gängiges Argument gegen spätere Schulstarts: Die Jugendlichen gingen nicht einfach später ins Bett, sondern gewannen real an Schlaf.
Zudem berichteten die Schülerinnen und Schüler weniger häufig von Einschlafproblemen und gaben höhere Werte bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität an. Im Vergleich zu den kantonal geeichten Testergebnissen ergaben sich im neuen Schulmodell zudem bessere objektive Lernleistungen in Englisch und Mathematik,
wie die Universität Zürich mitteilt.
Mehr Autonomie wirkt sich positiv aus
Die Autorinnen und Autoren der Studie machen im Diskussionsteil deutlich, dass sich die beobachteten Effekte nicht eindeutig allein der späteren Startzeit zuschreiben lassen.
Sie weisen darauf hin, dass es sich um ein umfassendes Schulentwicklungsprojekt handelte. Die Einführung flexibler Randzeiten war kein isolierter Eingriff, sondern Teil eines strukturellen Reformprozesses. Damit könnten weitere psychosoziale Faktoren eine Rolle gespielt haben.
Explizit diskutiert werden unter anderem:
- Mehr Autonomie: Die Möglichkeit, den Schulstart eigenständig zu wählen, könnte intrinsische Motivation gestärkt haben.
- Partizipation am Reformprozess: Die Implementierung als gemeinsames Schulprojekt könnte das Schulklima verbessert haben.
Damit bleibt offen, welcher Anteil des Leistungs- und Wohlbefindensgewinns tatsächlich physiologisch über mehr Schlaf vermittelt wurde – und welcher psychosozial bedingt ist.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Die Resultate sind klinisch plausibel, methodisch jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Es handelt sich um eine prospektive Vorher–Nachher-Studie ohne randomisierte Kontrollgruppe und mit Daten aus nur einer Schule.
Die Schlafdauer basiert überwiegend auf Selbstberichten, objektive Messverfahren wie Aktimetrie wurden nicht eingesetzt. Zudem war die Einführung der flexiblen Startzeiten Teil eines umfassenderen Schulentwicklungsprojekts. Ob der beobachtete Nutzen primär biologisch durch zirkadiane Entlastung oder teilweise psychosozial vermittelt ist, bleibt somit offen.
Für Pädiaterinnen, Hausärzte und Kinder- und Jugendpsychiater ist die Studie dennoch relevant. Sie bestätigt:
- Jugendliche leiden häufig unter strukturellem Schlafmangel.
- Schulische Rahmenbedingungen beeinflussen Gesundheit.
- Autonomie und Mitgestaltung können psychosozial stabilisierend wirken.
Bei Müdigkeit, depressiver Verstimmung oder Konzentrationsproblemen lohnt sich daher nicht nur die Frage nach Schlafdauer, sondern auch nach schulischem Druck, Fremdbestimmung und Gestaltungsspielraum.
Zur Originalpublikation:
- Albrecht, J. N., Risch, A., Huber, R., & Jenni, O. G.: «The power of flexible school start times: Longitudinal associations with sleep, health, and academic performance», in: «Journal of Adolescent Health», Februar 2026.
- DOI: 10.1016/j.jadohealth.2026.01.011