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imageBild: Grail Inc.

Ziel verfehlt: Der Traum vom universellen Krebsbluttest gerät ins Wanken

Der Galleri-Test erkennt laut Hersteller über 50 Krebsarten. Entscheidend ist jedoch, ob durch ihn fortgeschrittene Tumoren seltener auftreten. Genau das gelang nicht.

Sarah Bourdely2.3.20265"
Der Anspruch ist hoch: Ein einziger Bluttest soll erkennen, an welcher Krebsart man leidet – möglichst noch bevor Symptome auftreten. Der prominenteste Vertreter dieser sogenannten MCED-Tests (Multi-Cancer Early Detection) hat nun jedoch sein zentrales Ziel verfehlt.
Wie Medscape und das Deutsche Ärzteblatt berichten, hat der von Grail entwickelte Test im grossen NHS-Galleri-Trial seinen primären Endpunkt nicht erreicht. Die Zahl der Krebsdiagnosen im Stadium III oder IV liess sich nicht signifikant senken.
142’000 Probanden – und kein klarer Effekt
Der Galleri-Test ist darauf ausgelegt, über 50 Krebsarten anhand von Methylierungsmustern zellfreier DNA zu detektieren. Doch im NHS-Trial bezog sich der primäre Endpunkt auf 12 vorab definierte, potenziell tödliche Tumorarten. Nur für diese wurde geprüft, ob sich die Zahl fortgeschrittener Stadien innerhalb von drei bis vier Jahren reduzieren lässt.

Zur NHS-Galleri-Studie
  • Die gemeinsam mit dem britischen National Health Service durchgeführte Studie randomisierte 142’318 Personen im Alter von 50 bis 77 Jahren.
  • Eine Hälfte erhielt über zwei Jahre hinweg drei Bluttests, bei der anderen wurden die Proben nicht ausgewertet. Bei positivem Befund folgte eine gezielte Abklärung.

Glaubt man dem Hersteller, ist dies gelungen. In der «bahnbrechenden» NHS-Galleri-Studie sei es zu einem «erheblichen Rückgang der Krebsdiagnosen im Stadium IV» gekommen sowie zu einer «erhöhten Erkennung tödlicher Krebsarten im Stadium I und II und eine vierfach höhere Krebserkennungsrate», schreibt Grail in einer Pressemitteilung.

Erst weiter unten räumt der Hersteller ein, dass «der primäre Endpunkt einer statistisch signifikanten Reduktion der Tumoren im Stadium III–IV nicht beobachtet wurde». Konkrete Zahlen liegen bislang nicht vor; eine Publikation steht aus.
Experten sind ernüchtert
Mehrere von Medscape befragte Experten zeigen sich entsprechend ernüchtert. H. Gilbert Welch vom Brigham and Women’s Hospital kommentierte die positive Lesart des Herstellers mit den Worten:
«Talk about putting lipstick on a pig.»
Eine vierfach höhere Detektionsrate sei bedenklich, da sie ebenso gut auf Überdiagnostik hindeuten könne wie auf echten Fortschritt. Auch Richard Houlston vom Institute of Cancer Research in London äussert sich gegenüber dem Science Media Centre kritisch:
«Wenn der primäre Endpunkt nicht erreicht wird, sollte das gezielte Hervorheben von sekundären Ergebnissen oder Subgruppenanalysen als Hypothesenbildung verstanden werden – nicht als Beweis für einen Nutzen.»
Solange nicht gezeigt sei, dass durch den Test tatsächlich weniger Menschen an Krebs sterben, bliebe der behauptete Nutzen für die Bevölkerung spekulativ. Der Krebsforscher Adewole Adamson spricht in der «New York Times» gar von einem Scheitern: «End of story».
Nutzen für Patienten bleibt unklar
Im Zentrum der Debatte steht ein klassisches Problem der Screeningforschung: der Surrogatendpunkt. Die Reduktion fortgeschrittener Stadien – der sogenannte stage shift – gilt als indirekter Hinweis auf mögliche Mortalitätsreduktion. Doch dieser Zusammenhang sei nicht zwingend, so Houlston:
«Wir wissen nicht, ob diese Verschiebung hin zu früheren Stadien tatsächlich zu einer Senkung der Sterblichkeit führen wird – und genau das ist das eigentliche Ziel eines Screenings.»
Eine Verschiebung in frühere Stadien könne auch bedeuten, dass langsam wachsende oder harmlose Tumoren entdeckt werden, die nie klinisch relevant geworden wären. Ohne belastbare Mortalitätsdaten bleibe der patientenrelevante Nutzen spekulativ.
Test wird bereits verkauft – ohne Zulassung
Bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Evidenz und Marktdynamik. Der Test ist weder in den USA noch in Europa zugelassen, wird aber in den Vereinigten Staaten seit 2021 als Laboratory Developed Test für 949 US-Dollar angeboten – in einer regulatorischen Grauzone. Nach Angaben des Herstellers wurden 2025 über 185’000 Tests verkauft.

Laut dem British Medical Journal steht zudem eine Vereinbarung mit dem NHS auf dem Spiel, die den Ankauf mehrerer Millionen Testkits vorsah – gekoppelt an eine Produktion im Vereinigten Königreich.

Das Deutsche Ärzteblatt weisst auf ein weiteres Detail hin: Der Hersteller Grail bemühe sich aktuell, seinen Galleri-Bluttest durch das US-amerikanische Medicare-System erstatten zu lassen. Bisher sei das Biotechnologieunternehmen damit gescheitert, hoffe nun aber «auf ein vom Kongress verabschiedetes und von Präsident Trump Anfang diesen Monats unterzeichnetes Ausgabenpaket».

Für Ärztinnen und Ärzte gebietet sich aus den derzeit verfügbaren Daten Zurückhaltung: «I’d say that docs should not use or recommend these tests», wird Krebsforscher Welch von Medscape zitiert. Derartige Tests würden aktuell lediglich zusätzliche Kosten verursachen und zu weiteren Untersuchungen sowie Verunsicherung führen – zudem zu Überdiagnosen und Übertherapie.

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