Zehn Jahre nach der letzten Fassung liegt die
S3-Leitlinie «Klinische Ernährung in der Onkologie» in überarbeiteter Form vor. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Restriktive Krebsdiäten und Fastenprogramme sind bei onkologischen Patientinnen und Patienten nicht angezeigt. Einen belegten Nutzen gibt es nicht – das
Risiko einer Mangelernährung hingegen ist real und potenziell lebensbedrohlich.
«Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, drohen Komplikationen, Therapieversagen und im schlimmsten Fall der Tod durch Mangelernährung», warnt Jutta Hübner vom Universitätsklinikum Jena, die gemeinsam mit Jann Arends (Universitätsklinikum Freiburg) und Diana Rubin (Vivantes Humboldt-Klinikum Berlin) die Aktualisierung koordinierte.
Keine Evidenz für Krebsdiäten
Die Leitlinie ordnet in elf Empfehlungen besondere Ernährungsformen ein. Für vegetarische oder vegane Ernährung fehle derzeit die Evidenz, um eine Empfehlung dafür oder dagegen auszusprechen, so Hübner. Bis belastbare Daten vorlägen, sei bei onkologischen Patientinnen und Patienten eine sorgfältige Planung zwingend erforderlich, um Defizite zu vermeiden.
Anders fällt die Bewertung restriktiver «Krebsdiäten» aus. Von strikten Diätvorschriften rät die Leitlinie ab. Sie schränkten die Nahrungsaufnahme ein und erhöhten damit das Risiko für Gewichtsverlust und Mangelernährung. Dazu zählen explizit Fastenprogramme, ketogene Diäten sowie die Diäten nach Budwig und Breuß. Studien hätten bislang keinen positiven Nutzen belegt; vielmehr könne die Nahrungsrestriktion den ohnehin vulnerablen Ernährungsstatus weiter verschlechtern.
Neues Kapitel zur onkochirurgischen Ernährung
Erstmals enthält die Leitlinie ein eigenes Kapitel zur Ernährung bei operativer Tumortherapie. Zwölf neue Empfehlungen definieren Standards für die perioperative Phase. So soll der Ernährungsstatus vor und nach grösseren onkochirurgischen Eingriffen wiederholt erhoben werden.
Patientinnen und Patienten, die postoperativ voraussichtlich mehrere Tage keine feste Nahrung aufnehmen können, sollen frühzeitig enteral oder – falls erforderlich – parenteral ernährt werden.
In der präoperativen Phase empfiehlt die Leitlinie, bei hohem Risiko – etwa bei ausgeprägtem Gewichtsverlust in kurzer Zeit – zunächst eine Ernährungstherapie einzuleiten, selbst wenn sich der Operationstermin dadurch verschiebt. Die Priorität liegt klar auf der Stabilisierung des Ernährungszustands.
Palliativsituation: Therapieziele überprüfen
Auch die Palliativversorgung wurde vertieft behandelt. Hier steht nicht die Verlängerung des Überlebens, sondern die Lebensqualität im Vordergrund. Eine differenzierte Ernährungstherapie kann hierzu beitragen – sie ist jedoch kein Selbstzweck.
Neu ist die Empfehlung, wiederholt zu evaluieren, ob eine enterale oder parenterale Ernährung noch dem Therapieziel entspricht. Diese Entscheidung soll gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen getroffen und bei Bedarf angepasst werden.
«Entscheidet sich eine an Krebs erkrankte Person, die Ernährung einzustellen, kann das zu Konflikten mit den Angehörigen führen», so Hübner. Die Leitlinie empfiehlt deshalb eine proaktive, klare und empathische Kommunikation durch das Behandlungsteam. Bei Ernährungsstörungen in der Palliativphase sollen qualifizierte Ernährungsfachkräfte regelmässig hinzugezogen werden.
Einbindung ins Leitlinienprogramm Onkologie
Mit der Aktualisierung wurde die Leitlinie erstmals in das Leitlinienprogramm Onkologie überführt, getragen von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und der Deutschen Krebshilfe.
Federführend waren die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM), die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) sowie die DKG. Insgesamt wirkten 43 Fachgesellschaften und Organisationen mit.
Im nächsten Schritt sollen weitere Themen – darunter Ernährung bei Radio- und systemischer Tumortherapie sowie das Screening auf Mangelernährung – umfassend überarbeitet werden.