Die neue S3-Leitlinie «Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung» empfiehlt, reifgeborene Kinder in den ersten sechs Lebensmonaten ausschliesslich oder überwiegend zu stillen. Darüber hinaus wird eine Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten empfohlen.
Die Empfehlungen beruhen auf einer systematischen Literaturrecherche und Bewertung der Evidenz nach dem international anerkannten GRADE-Standard. Insgesamt wurden 30 gesundheitsrelevante Endpunkte bei Mutter und Kind analysiert, darunter kindliche Infektions- und Stoffwechselerkrankungen sowie Aspekte der mütterlichen Gesundheit.
Schützende Effekte für Mutter und Kind
Die systematische Auswertung der verfügbaren Studien habe konsistente Hinweise auf schützende Effekte eines ausschliesslichen oder überwiegenden Stillens über sechs Monate gezeigt.
«Künftig ist klar: Längeres Stillen bringt gesundheitliche Vorteile für Mütter und ihre Kinder.» Susanne Grylka, ZHAW.
«Ein halbes Jahr ausschliessliches Stillen ist für die meisten reifgeborenen Säuglinge gesundheitlich gut abgesichert», sagt Mitautor Michael Abou-Dakn, Chefarzt am St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof,
in einer Mitteilung. Mit der Empfehlung einer Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten würde zudem die langfristige Bedeutung des Stillens für Mutter und Kind betont
Mindestens zwölf Monate, gerne länger
Bisher galt in Deutschland die Empfehlung, Säuglinge mindestens bis zum Beginn des 5. Monats ausschliesslich zu Stillen. In einem
Konsensbericht hiess es weiter: «Auch nach Einführung von Beikost – spätestens mit Beginn des 7. Monats – sollen Säuglinge weitergestillt werden». Wie lange insgesamt gestillt wird, sollten Mutter und Kind selbst bestimmen.
Mit der neuen Leitlinie passe man sich an
WHO-Richtlinien zur Stilldauer an, sechs Monate ausschliesslich zu stillen und danach bis zu zwei Jahre oder länger weiterzustillen. «Sie schaffen Transparenz und ermöglichen eine einheitliche Beratungsgrundlage», betont Susanne Grylka, Professorin für Hebammenwissenschaft am Departement Gesundheit, Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Mitautorin der Leitlinie.
Die Empfehlung, zwölf Monate lang zu stillen ist laut ihr als Minimum zu verstehen, welches «ruhig überschritten werden» dürfe – solange Mutter und Kind dies möchten. «Viele Outcomes sind sehr dosisabhängig. Sprich, je länger sie stillen, desto besser werden eigentlich die Outcomes»,
sagt Grylka gegenüber dem Science Media Center.
Ausschliessliches Stillen bedeutet Ernährung allein durch Muttermilch. Beim überwiegenden Stillen werden zusätzlich lediglich Wasser oder Tee gegeben. Beide Formen werden als Vollstillen zusammengefasst. Teilstillen umfasst die zusätzliche Gabe von Säuglingsanfangsnahrung oder Beikost.
Entscheidend sei dabei nicht nur die einzelne Stillphase, sondern die kumulative Stilldauer im Leben einer Frau, sagt Abou-Dakn. Viele Studien zielten auf insgesamt zwei Jahre ab. Besonders eindrücklich seien die Daten zum Brustkrebsrisiko. Auch beim Endometrium- und Ovarialkarzinom zeigten sich positive Effekte. Hinzu komme ein möglicher Langzeiteffekt auf die Knochengesundheit, so Abou-Dakn.
Trotz aller Konsentierungen und Empfehlungen sei «die individuelle Situation von Mutter und Kind massgeblich», betont Regina Ensenauer, Kinderernährungsmedizinerin und Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Die vorliegende Veröffentlichung behandelt die beiden zentralen Fragestellungen zur Stilldauer. Empfehlungen zu wirksamen Interventionen zur Stillförderung sollen in einem weiteren Schritt veröffentlicht werden.